Mare Saare

Als „Tor zwischen Ost und West“ wurde die Estin Mare Saare von ihrer belgischen Kollegin Sandra De Clerck auf der Vernissage zur aktuellen Frauenauer Ausstellung vorgestellt; und tatsächlich ist der Name der vielgereisten und vielseitigen Glasprofessorin von der Kunstakademie in Tallinn fest verknüpft mit dem Ankommen der facettenreichen estländischen und baltischen Glaskunst in der Internationalen Studiobewegung.

Mare Saares Arbeiten öffneten dabei nicht nur den Blick auf eine fern gerückte Glas- und Kunstszene, sondern vor allem auf den flüchtigen Zauber der Ostseelandschaft, und auf eine Persönlichkeit, in der Vitalität und Verwundbarkeit zusammen wirken. 

Das Glas, seine Fragilität und seine Herkunft aus körnigem, leicht verwehtem Sand benutzte sie mit genialer Virtuosität: Ein vielfarbiger, schwingender Kelch entspringt einem noch zerbrechlicher wirkenden Grund aus körnig verschmolzenem Glas, er nährt sich von ihm, bis dieser gleichsam bröckelt und schließlich inexistent, zu Sand wird.

Die in Frauenau ausgestellten, blumenartigen Objekte der Serie „Fragile Circuit“, gearbeitet in pâte de verre-Technik, stehen für einen zerbrechlichen Kreislauf, der gleichwohl ewig ist wie Ebbe und Flut. Sand ist bei Mare Saare nicht nur ein künstlerisches Bild für Erneuerung und Wiederkehr, sondern dient – neben gemahlenem und gekröseltem Glas – tatsächlich auch als technisches Ausgangsmaterial und als immer wieder verwendbare Auflage im Formprozess der zarten Objekte.

Die Künstlerin selbst beschrieb Ihre Werke so:

My works are often extremely fragile, open plate forms. I like to work with  colours but seldom total transparency is involved. I have tried to  unite the delicate, the vulnerable and the vanishing into the form of glass by fusing coloured glass powders into moulds made of sand. The process of sand changing into glass, then falling back into sand again represents an eternal return, a fragile circuit – reminding us of everything valuable being simultaneously delicate yet eternal.

Tallinn, January 23, 2009 Mare
 
[„Meine Arbeiten sind oft extrem zerbrechliche, offene Tellerformen. Ich arbeite gerne mit Farben, selten aber mit völliger Transparenz. Ich versuche das Zerbrechliche, Zarte, das Verletzliche und das Flüchtige im Glas zu vereinigen, indem ich farbige Glaspulver in Formen aus Sand fuse.]


maresaare021 1000maresaare022 1000maresaare023 1000maresaare024 1000maresaare026 1000Ihr individuelles Herstellungsverfahren für diese Objekte verwendet Sand als technische Hilfe, als Form und Auflage im Schmelzprozess. Sand ist unendlich wiederverwendbar und steht auch dadurch für die Idee der Erneuerung und Ewigkeit. Der Boden der Arbeiten wird in Glas gegossen, der Blütenkelch ist aus verschmolzenen Glaskröseln in pâte de verre-Technik hergestellt.

Die Künstlerin, die u. a. auch für fein gravierte Glasobjekte bekannt ist (im Bild-Werk Frauenau unterrichtete sie 2008 im Bereich Glasgravur), ist in praktisch allen Glasgestaltungstechniken auf ihre individuelle Art zu Hause. Als Gast der Glashütte Eisch konnte sie im Rahmen des „Artist in Residence“-Programms denn auch alle Möglichkeiten der Hütte von der Glasmalerei und Ätztechnik bis zur Arbeit mit den Glasmachern am Ofen nutzen.

Über vier Wochen entstanden dort die Objekte, die, zusammen mit aktuellen Arbeiten, welche die Künstlerin aus Tallinn mitgebracht hatte, vom 20. August bis 7. November 2009 in der Galerie am Museum in Frauenau ausgestellt waren. 

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In der Glashütte Eisch arbeitete Mare Saare außerdem mit Gravur und Malerei und, im großen nicht mehr benützten Ätz- und Säurepolierraum auch mit der Technik des Ätzens. Erfinderisch nutzte sie „gefundene“ Materialien und Produktionsmittel der Glashütte Eisch wie alte Glaskrösel und Glasformen für ganz neue und individuelle Arbeiten. Ihre wunderschönen Blumenformen – und damit auch ganz neue Formen in der Produktionspalette der Eisch-Hütte – schmolz die Künstlerin also aus Produktionsresten. 

Seit 1994 arbeitet Mare Saare mit schwarzem Glas, das nur in der Region von Bryansk in Russland hergestellt wird, und formt daraus Platten und Teller. Ihre künstlerische Intention liegt dabei im Versuch elementare Einsichten und Gefühle in Glas auszudrücken. So sollen die schwarzen Platten das allgegenwärtige Chaos verkörpern.

Für die Künstlerin ist dabei der Weg zum Rohstoff wie auch der Herstellungsprozess gleichermaßen Teil des Kunstwerks. Sie bereist die Welt und erzählt uns in ihren Objekten von ihren Eindrücken: Sand mit seiner Assoziation zum Meeresstrand oder zur Sahara ist das entscheidende Material für ihre Blütenformen; der Nachthimmel der afrikanischen Wüste könnte als Inspiration für die schwarzen Teller gedient haben.

Reisen scheint ein zentrales Thema in Saares Leben zu sein, dabei wuchs die Sehnsucht danach, fremde Regionen und Länder zu entdecken, umso mehr, desto schwieriger das Reisen zu Zeiten der Sowjetunion war. Teil ihrer aktuellen Reise - ihrer persönlichen „Passage“ - ist auch ihr Aufenthalt in Frauenau: Mare Saare legte auf ihrem Weg von Tallinn nach Frauenau über 2000 km mit dem Auto zurück.